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Die weise Frau Nathan und das dreigliedrige Schulsystem

Theaterpremiere "Nathan der Weise"

„Im Haus von Nathan“: Die jugendlichen Schauspielerinnen (vorne), sowie die Initiatorin des Projekts, Selin Kaya (hinten l.), der türkische Generalkonsul Mustafa Türker Ari (hinten 3.v.l), daneben Tülay Schmid und die Regisseurin Ruhsar Aydogan

Wenn Kinder und Jugendliche der Alevitischen Gemeinde Winnenden sich unter der Inszenierung der türkischstämmigen Autorin Ruhsar Aydogan an eine Neuinszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ machen, dann darf man auf Überraschungen gespannt sein. Und die gab es tatsächlich zur Genüge, bei der Premiere am vergangenen Dienstag in Fellbach. Schon beim Auftritt der Hauptperson ging es los: Nathan zeigte sich nämlich als Frau.

Sehr schön, sehr reich und sehr gerecht ist sie, Nathan die Weise. Sie lebt in Jerusalem, wo den Sultan Saladin, ganz wie bei Lessing, schwere Geldsorgen umtreiben. Der Finanzplan für den Bildungsbereich ist es, der nach der modernen Version des Dramas im Palast des Sultans heftigste Diskussionen auslöst. In seiner Not – und nicht ganz ohne finanzielle Hintergedanken – lässt der Sultan nach der weisen und wohlhabenden Dame rufen. Und so sieht sich Frau Nathan wenig später und gänzlich unverhofft mit dem dreigliedrigen Schulsystem und dessen Bewertungsschubladen konfrontiert: Welches denn die wahre Schulform sei, und welche Schüler man am meisten lieben müsse, fragt der Sultan, Hauptschule, Realschule, Gymnasium? Nathan antwortet geschickt – wie bei Lessing,  mit einer Ringparabel nämlich. Und die lässt den Sultan schließlich  begreifen: man braucht sie alle. Man braucht junge Menschen, die sich zum Schlosser ausbilden lassen, solche, die technische Zeichner werden und jene, die Maschinenbau studieren. Es kommt nicht darauf an, was die Menschen besitzen, an Geld, an Ausbildung oder an Religion, sondern darauf, wie sie als Mensch leben und was sie als Mensch tun.

Theaterpremiere "Nathan der Weise"

Regisseurin Ruhsar Aydogan (r) und ihre Schwester Tülay Schmid, die Ehefrau des Baden-Württembergischen Wirtschaftsministers, bei der Premiere im Fellbacher Jugendzentrum

Dem Publikum im vollbesetzten Theatersaal des Fellbacher Jugendzentrums gefiel die neue Interpretation des bekannten Stücks. Die 16 jungen Schauspielerinnen und Schauspieler wurden am Ende mit großem Beifall und stehenden Ovationen bedacht. Mehr als zweieinhalb Monate lang haben sie in ihrer Freizeit an dem Stück gearbeitet. „Die Kinder und Jugendlichen haben in dieser Zeit unglaublich viel gelernt, nicht nur Text, sie sind tatsächlich innerlich gewachsen“, sagt Selin Sebahat Kaya vom Kreisjugendring, die das Theaterprojekt initiierte. Und Hauptdarstellerin Selina Dogan, die als Frau Nathan die längsten Textstrecken zu meistern hatte, ergänzt: „Die Arbeit an dem Stück hat uns richtig zu einem Team geschweißt, wir sind zu einer großen  Familie geworden“. Mindestens zwei weitere Aufführungen will das engagierte Ensemble auf die Bühne bringen.

Dass sich nach den vielen Proben der Fleiß in weiteren Aufführungen auszahlt, das freute auch Musa Kocabas, zweiter Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde in Winnenden: „Ich bin echt überrascht über die langen Texte, die selbst die Kleinen auswendig gelernt haben. Und die Übertragung des Stücks auf das Ausbildungsthema, das finde ich richtig spannend“. Dieser Meinung war auch Tülay Schmid, Ehefrau des Baden-Württembergischen Wirtschaftsministers. “Das Drama `Nathan der Weise` mit dem dreigliedrigen Schulsystem in Verbindung zu bringen, das ist eine sehr gute und sehr kreative Idee“, sagte sie nach der Vorstellung. Aber auch ein weiterer Aspekt aus dem Stück sei ihr aufgefallen:  „Die Kinder und Jugendlichen haben dargestellt, dass sie im Frieden mit ihrer Herkunft sein können. Sie konnten zeigen, dass sie sich treu bleiben dürfen in ihrer Doppelkultur – und das ist sehr wichtig, nicht nur auf der Bühne“. Dort hatte  ihre Schwester, die Autorin und  Schauspielerin Ruhsar Aydogan mit ihrer Regie großes Einfühlungsvermögen in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen bewiesen. Über kleinere Workshops, so erzählte sie, hatte sie herausgefunden, was die Jugendlichen interessiert und was sie bedrückt. „Und immer wieder kam die Schultrennung zur Sprache. Nach der 4. Klasse die Kinder zu trennen, das empfinden viele als schmerzliche Erfahrung“, so die Überzeugung der Autorin. Und so machte sie aus Lessings Stück und dem Disput um die drei großen Weltreligionen eine Geschichte der Kinder und deren Drama mit dem dreigliedrigen Schulsystem.

Weitere Aufführungen im Jugendzentrum Fellbach gibt es am 6. und am 25. Oktober 2012

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